Die Totengeister des Helmut Kohl

Von Peter M. Messer | Helmut Kohl ist tot, die Mainstreampresse überschlägt sich mit Würdigungen des „großen Europäers“, der ein „vereintes Deutschland in einem vereinten Europa“ herbeigeführt habe. In den Foren der Gegenöffentlichkeit wird dem „Ja“ zum Kanzler der Einheit das „aber“ des Kanzlers des Euro hinzugefügt. Ansonsten schreiben sehr viele ausdrücklich: De mortuis nil nisi bene, von den Toten nichts, es sei denn Gutes. Um die fatale Wirkung dieser Haltung zu erkennen, soll mal darauf hingewiesen werden, was dieser lateinische Spruch ursprünglich meinte.

Er hatte nämlich nichts mit Anstand oder zwischenmenschlichem Respekt zu tun, sondern war der handfesten Furcht vor der Rache der Totengeister geschuldet, falls man schlecht von ihnen sprechen sollte. Heute sollten wir allerdings wissen, dass wir keine Geister zu fürchten haben, die aus ihren Gräbern aufsteigen, sondern die Erinnerungsgespenster, die Medien und Politik erst erschaffen, um den Lebenden besser ihren Willen aufzwingen zu können.

Seiner Bedeutung gemäß hinterlässt Helmut Kohl nicht nur ein, sondern zwei Gespenster. Da ist einmal der Kanzler der deutschen und der europäischen Einigung, der uns gewissermaßen als Alp der Alternativlosigkeit niederdrücken und eintrichtern soll, dass die deutsche Einheit ohne europäische Einheit in ihrer jetzigen Form, also ohne Euro und EU, nicht zu haben gewesen, jeder Widerstand zwecklos und jede Hoffnung auf echte nationale Eigenständigkeit sinnlos sei. Und es gibt Kohl als eine Art erinnerungspolitisches Geisterpferd, das uns aus einer Zeit anzublicken scheint, in der die CDU noch eine standfeste konservative Partei gewesen sei, und das uns dazu locken will, unser Vertrauen und unsere Hoffnungen wieder in die alten Institutionen, Personen und Phrasen zu setzen und zu vergessen, dass sie immer noch nur Schlamm und Morast sind, in die das Geisterpferd uns abwürfe, falls wir es besteigen sollten.

Der Kanzler der Auflösung

Und dann gibt es noch ein drittes Gespenst, das wir uns am besten als das altbekannte flatternde Bettlaken vorstellen dürfen: das wiedervereinigte Deutschland selbst. Was soll das eigentlich noch für ein Staat sein? Ein Staat, der seine Souveränitätsrechte weitgehend an die EU abgetreten hat (Vertrag von Maastricht von 1992 und der ihn fortsetzende Vertrag von Lissabon 2007), der seine Außengrenzen nicht mehr sichern kann (dank des Schengen-Abkommens, geschlossen 1985, das Durchführungsübereinkommen 1995), der keine eigene Währung mehr hat und kein für seine wirtschaftlichen Umstände angemessenes Zinsniveau mehr festsetzen kann (dank Euro, ebenfalls Teil des Maastricht-Vertrages). Ein Staat, in dem ich mich als eingeborener Deutscher schon vor der Grenzöffnung der CDU für die Invasoren im Jahre 2015 oft genug als Fremder im eigenen Land fühlen konnte. Dieser Auflösungsprozess ist übrigens keinesfalls abgeschlossen, man denke an die Möglichkeit von Eurobonds, einer europäischen Sozialversicherung oder eines europäischen Einlagensicherungsfonds für Bankguthaben. Angesichts dieser fortschreitenden Auflösung meiner Heimat kann ich auf diese Art von vereinigtem Deutschland in einem vereinten Europa verzichten: Lieber zwei Deutschland als gar keins.

Die Grundlagen hierfür wurden, wie die Daten der Verträge (bis auf Lissabon) zeigen, alle unter der Regierung von Helmut Kohl und der ihn stützenden CDU und FDP gelegt, wobei die genannten Verträge nicht alleine als Projekte mit definiertem Endziel anzusehen sind, sondern zugleich als politische Tendenzen mit der Eigenschaft, zu noch mehr Europäisierung, zu noch mehr Auflösung zu führen. Für die ganzen Spekulationen, was Kohl anders als Merkel gemacht hätte, gibt es darum keine vernünftige Grundlage. Die Verschärfung des Asylrechts während seiner Regierungszeit war ausschließlich den Erfolgen der Republikaner geschuldet, diente also seiner Machtsicherung, und was irgendwelche Dinge angeht, die Kohl „mal gesagt“ hat – mit den Aussprüchen von Konservativen, die rechts blinken und links abbiegen, kann man ganze Bücher füllen. Nach Kohls eigenen Worten ist ja entscheidend, was hinten rauskommt. Angesichts seiner tatsächlichen Bilanz muss man diesen Spruch so vervollständigen, wie es einst der Kabarettist Dieter Hildebrandt getan hat: Entscheidend ist, was hinten rauskommt – und darin stehen wir dann.

Die Pflicht zur Denkmalsdemolierung

Gespenster sind, von Ausnahmen wie Hamlets Vater abgesehen, meist wenig redselig. Sie sind Erscheinungen, keine Doktorarbeiten. Das haben sie mit Denkmälern gemeinsam. Die Erinnerung an Helmut Kohl ist nicht anders als die Erinnerung an die Nazizeit ein Fall von Geschichtspolitik. Man versucht, über einen Toten kompakte, jederzeit abrufbare Vorstellungen im kollektiven kulturellen Gedächtnis zu etablieren, mit denen man Macht über die Lebenden ausüben kann. Nur gut über die Toten zu sprechen, erleichtert diesen Geisterbeschwörern das Geschäft und verleiht ihren Kreaturen erst eine Macht, die sie bei wahrheitsgemäßem Sprechen über die Toten nicht hätten. Der ursprüngliche Sinn des de mortuis nil nise bene wird so in sein Gegenteil verkehrt. Es gilt also, wahrhaftig von den Toten zu reden, de mortuis nil nise vere.

Angesichts der längst erkennbaren Verwendung Helmut Kohls als zusätzlicher geschichtspolitischer Geschützbatterie unserer Abschaffung ist jedes freundliche Wort über ihn nur Munition in den Händen unserer Feinde und ein Stich in den Rücken derer, die sich wirklich für unser Land und damit auch für uns selbst einsetzen im Angesicht einer erdrückenden Übermacht. Ihnen alleine sind wir verpflichtet, und zwar dazu verpflichtet, vom Denkmal Helmut Kohls den weißen Stuck abzuschlagen und den Dreck bloßzulegen, der am Ende hinten rauskam, in dem wir immer noch stehen und immer weiter versinken.


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