Jetzt auch die WELT: Die Angst der Frauen vor „Flüchtlingen“

Von OLIVER FLESCH | Nachdem neulich zwei SPIEGEL-Autorinnen offenbarten, dass sie sich kaum noch vor die Tür trauen, zieht jetzt Springers WELT nach: „Woher kommt die Angst vor dem ,südländischen Mann‘?“, fragt eine Anika von Greve selten dämlich.

Der Irrsinn geht bereits bei „Südländer“ los. Weil es keine Angst vor Italienern, Portugiesen oder Griechen gibt. Nie gab. DAS sind Südländer, niemand sonst. Richtig müsste die Zeile also heißen: „Woher kommt die Angst vor arabischen und afrikanischen Männern?“

Autorin Greve gibt die Antwort selbst: „In einigen aufsehenerregenden Fällen von Vergewaltigung stehen Migranten unter Verdacht. Tatsächlich sind Nichtdeutsche bei Sexualdelikten überproportional vertreten. Vor allem Frauen sind verunsichert.“

Und Professor Jörg Kinzig, Direktor des Tübinger Instituts für Kriminologie, gibt ihr recht: „Nichtdeutsche sind bei Sexualdelikten im Vergleich zu ihrer Beteiligung an der sonstigen Kriminalität überproportional vertreten.“ Schlecht. Schlicht. Korrekt: 2016 waren laut Kriminalstatistik (PKS) vier von zehn Sexualstraftätern Ausländer.

Dieses mulmige Gefühl

„Das mulmige Gefühl kennen wohl die meisten Frauen: Es ist bereits ein wenig dunkel, man steigt aus der S-Bahn, zwei junge („südländische“ – sic!) Männer hinterher. Kleine Fragen im Hinterkopf: Wie weit ist es noch bis nach Hause? Halten sie Abstand?“

So beschreibt Greve ihre eigene Angst. Die sie, klar, direkt wieder relativiert: „Kleine Befehle im Vorderkopf: Mach dich nicht lächerlich, denk logisch, was soll schon passieren! In absoluten Zahlen sind die meisten Sexualstraftäter Deutsche, aber die Fragen sind trotzdem da – und die Antworten komplex.”

Die meisten Sexualstraftäter sind Deutsche? Da weiß Greve mehr als der Rest der Welt. Da der Migrationshintergrund bei passdeutschen Straftätern nicht ausgewiesen wird, gibt es keine seriösen Zahlen. Die „komplexen“ Antworten auf Greves Fragen gibt ausgerechnet der berüchtigte Kriminologe Christian Pfeiffer. Bekannt aus Funk und Fernsehen als Relativierer von Ausländerkriminalität jeglicher Art. Pfeiffer: „Der erste Faktor, der gerne übersehen wird, ist der Unterschied in der Anzeigenbereitschaft. Die Einheimischen werden weniger angezeigt als die Fremden, weil man sich von den Fremden stärker bedroht fühlt.“

Schnell wird wieder einmal deutlich: Ein abgeschlossenes Studium schützt nicht vor Schwachsinn. Es sind bereits jede Menge Fälle bekannt geworden, in denen Frauen sexuelle Nötigungen und Vergewaltigungen aus falsch verstandener Gutmenschlichkeit gegenüber Migranten nicht angezeigt wurden. Auch die Behauptung, Frauen fühlen sich von „Fremden stärker bedroht“, ist hanebüchen. Ein Vergewaltiger ist und bleibt ein Vergewaltiger. Ob er nun aus Wattenscheid oder Syrien kommt, das Bedrohungspotenzial ist gleich.

Denn sie wissen nicht was sie tun? Oh doch!

„Der zweite Faktor: das Alter. Männer unter 40 Jahren sind laut Bundeskriminalamt grundsätzlich gewaltaffiner und diese Altersgruppe ist bei Flüchtlingen überdurchschnittlich vertreten. So seien beispielsweise 40 Prozent derer, die aus Nordafrika nach Deutschland kommen, junge Männer“ schreibt Greve. Pfeiffer stimmt zu: „Diese jungen Kerle sind in jedem Land die gefährlichsten“.

Ja, und? Soll das eine Rechtfertigung sein? Ein deutscher Junge, egal, ob 12 oder 22, weiß ganz genau, dass man eine Frau nicht vergewaltigen, zum Sex zwingen darf. Wenn die Herren aus Absurdistan das nicht begreifen wollen, ist das nur ein weiterer Beleg dafür, dass sie nicht nach Deutschland passen.

Im Übrigen: Selbstverständlich wissen auch diese Herren, was richtig und was falsch ist, nur: Es geht ihnen am Arsch vorbei. Geht ja nur um Frauen und die sind in deren Heimatländern nun mal nichts wert. Das bestätigt auch Psychologin Maggie Schauer, die an der Universität Konstanz forscht: „Keine Gewalttat, kein sexueller Übergriff, keine Vergewaltigung ist mit dem Argument der anderen Kultur zu entschuldigen. Das wissen die Männer auch sehr genau.“

Den dritten Faktor läßt die WELT die wissenschaftlich Pfeife Pfeiffer schließlich “Ausweglosigkeit” passend schwurbeln: „Wir haben ein Risiko durch eine beachtliche Gruppe von Leuten, die hier keine Chance auf Asyl oder Zuflucht haben“.

Ach du meine Güte! Die armen Asylbetrüger! Da kommen einem ja direkt die Tränen. Diese Rechtfertigung legt offen, wie kaputt unser System ist. Was zur Hölle machen Menschen, die „hier keine Chance auf Asyl oder Zuflucht haben“, überhaupt noch in Deutschland? Das sind Illegale, die vom deutschen Steuerzahler auch noch durchgefüttert werden.

Und nun? Was tun?

Wer bei Pfeiffers Rechtfertigungen bereits einen hochroten Kopf bekam, sollte nun ein blutdrucksenkendes Mittel nehmen, nun kommen wir zu den „Lösungsvorschlägen“ des Kriminologen. Der Herr Pfeiffer (73!!) plädiert für umfangreiche Rückkehrprogramme: „Gewaltprävention läuft über Chancen. Und dann müssen es eben Chancen zu Hause werden … Wenn wir das zu einer attraktiven Option machen, dann kriegen wir dadurch auch hier Sicherheit.“

Deutsch: Die Bundesregierung soll mindestens eine Milliarde Steuergelder verpulvern, um illegalen Einwanderern die Rückkehr in ihre Heimat zu versüßen. Das muss man sich einmal vorstellen! Die kommen hier her, wohlwissend, dass sie keine Chance auf Asyl haben. Sie werden von uns durchgefüttert. Aus Dankbarkeit für unsere Großzügigkeit begehen sie Straftaten – und dafür sollen wir sie mit einer „Hau endlich ab und komm bloß nicht wieder!“-Prämie belohnen?

Pfeiffer fliegt weiter über das Kuckucksnest: Zwar räumt er (immerhin) ein, dass Männer, die von einer Machokultur geprägt sind, weitaus stärker für Sexualverbrechen anfällig sind, allerdings nur, um im gleichen Atemzug über „kulturelle Lernprozesse“ zu fabulieren – „dann kommt man auch mit schwierigen, anfangs bedrohlich wirkenden Gruppen zurecht, die zunächst mal sehr viele Probleme verursachen“.

„Sind etwa Flüchtlinge frauenfeindlicher?“

In Aladins Wunderland vielleicht. Im wahren Leben? Keine Chance. Wem 20 Jahre eingehämmert wurde, dass Frauen Menschen zweiter Klasse sind, die kaum Rechte haben, über die Männer frei verfügen können, wird sich über Gleichberechtigungs-Geschwafel in einem sogenannten Integrationskurs bestimmt schwer beeindruckt zeigen.

Hinzu kommt hinzu, dass dieses Thema in den Kursen bislang kaum angegangen wird. Nora Brezger, die seit 2009 in Berlin hauptberuflich in der Flüchtlingsarbeit tätig ist, sagt: „Leider wird dort kein spezieller Fokus darauf gelegt“.

„Sind etwa Flüchtlinge frauenfeindlicher, grausamer, gewaltbereiter, gnadenloser sexualisiert?“, fragt WELT-Autorin Anika von Greve schließlich leicht verzweifelt. Diese Frage lässt sich “behutsam” beantworten. Wie von Psychologin Maggie Schauer: „Wir haben in westlichen Gesellschaften ein ganz anderes Zusammenleben und andere Sozialisierung als in vorwiegend muslimischen Kulturen. Diese Welten können sehr aufeinanderclashen“. Kürzer: Ja.

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